Urinbeutel zum Platzen voll: Polizei und Bahn verweigern Hilfe für Rollstuhlfahrerin


NÜRNBERG. Ein Facebookposting erhitzt derzeit die Gemüter im Internet. Ein junger Mann berichtet, wie er in der Nacht zum Mittwoch einer hilflosen Rollstuhlfahrerin geholfen hat. Ihr Urinbeutel war überfüllt und drohte zu platzen, wie er sagte. Bundespolizei und Bahn hätten die Frau abgewiesen und ignoriert.




Über die Rollstuhlfahrerin ist nicht viel bekannt. „Sie wollte nach Altdorf“, sagen Passanten. Aber sie war höchst dankbar und mit einer Veröffentlichung der Bilder einverstanden, sagte der stille Held von Nürnberg, Jörg S.. Der 37-Jährige war am späten Dienstagabend mit einer Freundin im Nürnberger Hauptbahnhof unterwegs, als er auf die Notlage der älteren Dame im Rollstuhl aufmerksam wurde. Ihr Urinbeutel war „zum bersten voll“, wie Jörg unserem Reporter erzählte. Eigentlich wollte die Dame den Beutel nur auf einer Toiletten entleeren, doch das wurde ihr verweigert.

Weil die behindertengerechten Toiletten in der Nacht versperrt sind, habe sich die Seniorin an die Bundespolizei gerichtet, die in der Bahnhofshalle Streife lief. Doch die Beamten konnten der Rollstuhlfahrerin nicht helfen. „Wegen Corona“, so die Begründung, könne man aus hygienischen Gründen die Toilette der Polizei nicht zur Verfügung stellen. Dabei wäre diese sogar behindertengerecht gewesen. „Die Polizisten verfolgten lieber einen Mann, der mit einem Bier friedlich durch den Bahnhof spazierte“, sagt Jörg.



Gefährliche Situation

Auch die DB Sicherheit, habe ihre Hilfe verweigert. Man hätte angeblich keine Möglichkeit, die in der Nacht versperrten Toiletten für Rollstuhlfahrer zu öffnen, sagte der Wachschutz der Deutschen Bahn vor Ort. Das konnten Jörg und seine Freundin nicht ertragen. Zwar wäre der Beutel nicht gleich geplatzt, ein Rückstau hätte jedoch schwerwiegende gesundheitliche Folgen mit sich führen können. „Das ist gefährlich“, sagt Corinna Stark. Die 22-Jährige ist Krankenschwester und medizinische Beraterin von Bayern-Reporter. Sie spricht von einer drohenden Entzündung. Bakterien können in die Blase gelangen. „Für die schwerkranke Frau, die auch ein Sauerstoffgerät trägt, eine durchaus gefährliche Situation“, sagt Corinna Stark.

Kaffeebecher mussten abhelfen

Der 37-Jährige und seine Begleiterin haben sich von einem Fastfood-Lokal Kaffeebecher besorgt. In einer stillen Ecke, neben einem Automaten, haben die Freunde dann selbstlos gehandelt. Angst vor Krankheiten, hatten sie in dem Moment nicht. Hier musste schnell gehandelt werden. Der Urinbeutel wurde abgelassen und die Becher einzeln abgefüllt. Nicht sehr hygienisch. „Immerhin war die DB Sicherheit eine halbe Stunde später bereit, uns immerhin ein bisschen Desinfektionsmittel zur Verfügung stellen“, erinnert sich Jörg. Auf der Polizeitoilette wäre das sich besser gewesen.



Stille Helden, wir brauchen sie jeden Tag. Foto: Privat. (Die Seniorin war einverstanden, wir haben sie dennoch verpixelt)

Das Eingreifen der beiden Helden löste eine Begeisterungswelle im Internet aus. Für die Deutsche Bahn und die Bundespolizei gab es Hohn und Spott. Der 37-jährige Jörg will aber auch klarstellen, dass er mit der Veröffentlichung des Vorfalls „keinesfalls alle Polizisten oder Mitarbeiter der DB angreifen möchte“. Viele von ihnen machen einen tollen Job, wie er sagt. „Aber was heute Nacht geschehen ist, das ist einfach nur traurig“. Man sei einfach nur hilflos, weil niemand helfen möchte, findet Jörg. Hilflos wie auch die ältere Dame im Rollstuhl.

Bislang haben sich die jeweils verantwortlichen Pressesprecher noch nicht zu dem Vorfall geäußert. Stellungnahmen sollten eigentlich im Laufe des Tages folgen. Die Bahn schrieb in einer ersten Mail, dass man den Fall „sehr ernst nehme“. Für die interne Recherche brauche man aber noch Zeit. „Sobald uns hierzu Informationen vorliegen, melden wir uns wieder bei Ihnen“, teilte ein Sprecher mit. Bis zum Abend lagen aber noch immer keine Stellungnahmen vor.



Barrierefreien Toiletten in Nürnberg

Bürgermeister Christian Vogel, zuständig für den Ausbau der öffentlichen Toiletten im Stadtgebiet, zeigte sich bestürzt von dem geschilderten Vorfall, könne nach eigenen Angaben aber auch nicht mehr tun „als mein ausdrückliches Bedauern in dieser Sache zum Ausdruck bringen“. Weil er nicht dabei war, will er sich auch kein Urteil über Bahn und Polizei erlauben. Allerdings befinde sich eine der vielen öffentlichen und barrierefreien Toiletten der Stadt Nürnberg direkt im Hauptbahnhof. „In der Königstorpassage/U-Bahnhof „Hauptbahnhof“, sagt Vogel.

Zu öffnen wäre die behindertengerechte Anlage mit einem Euroschlüssel. Seit dem 01.11.2010 ist für die Besitzerinnen und Besitzer des Euroschlüssels die Benutzung sämtlicher öffentlicher Toiletten der Stadt Nürnberg gebührenfrei. Diese können über den Verband der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinderte und Rentner Deutschlands VdK bezogen werden. Auch Polizei und Bahn dürften solche Schlüssel führen; äußern wollte sich bislang niemand dazu.

Nachtrag: Wir sind auf der Suche nach der älteren Dame; denn auch ihre Helfer sind besorgt und wollen wissen, ob sie gut nach Hause gekommen ist. Wer einen Kontakt herstellen kann, möge sich bitte bei Bayern-Reporter melden (0175/8395346). 



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