„Karnickelfutter“ für Pflegekräfte: So unterschiedlich sieht das staatliche Lunchpaket aus

 


NEUENDETTELSAU. Wie angekündigt, hat sich unser Reporter in den letzten Tagen mit vielen Pflegekräften unterhalten. Ziel war es, herauszufinden, wie die Umsetzung der versprochenen Mitarbeiterverpflegung funktioniert. Und mit einer traurigen Ausnahme scheint es in der Masse sehr gut zu funktionieren. 




Bei unseren Recherchen sind wir überwiegend auf gut gelaunte und positiv gestimmte Pflegekräfte gestoßen. Von den vom Staat veranschlagten 6,50 Euro werden frische Lebensmittel gekauft, teilweise wird der Betrag durch den Arbeitgeber auch noch aufgestockt. „Wir bekommen vom Lieferservice jeden Tag frisch geliefert. das Essen ist unterschiedlich jeden Tag und wir haben Kästen mit Spezi, Cola, Wasser, und Limo bekommen; wenn sie leer sind wird neu aufgefüllt“, schreibt die Mitarbeiterin eines Pegnitzer Pflegeheims. Es gebe sogar einen Speiseplan für 14 tage. „Vom Schnitzelburger über Schweinebraten bis Lasagne und mehrstöckige Burger“, ergänzt die Pflegerin zufrieden.

Auch Mitarbeiter der BRK Sozialstation in Fürth sind begeistert. Die Organisation sei von höchster Stelle übernommen worden. Eine Metzgerei sorge für die frische Versorgung. Jede Schwester habe zwei gut belegte Brötchen mit Lachs, Fleisch etc. und ein Getränk. Hier stockt das BRK aber jeweils selbst noch auf, wenn Bedarf besteht. Auch die Menge sei ausreichend, schreibt eine Mitarbeiterin an unsere Redaktion.

Ein privater Bayreuther Pflegedienst gab an, verschiedene flexible Wege für ambulante und stationäre Mitarbeiter gefunden zu haben. Man arbeite teilweise mit Verpflegungsgutscheinen für eine Bäckereikette der Region. Kliniken erlassen zudem auch noch Parkgebühren für ihre Mitarbeiter. Die Wertschätzung liegt hoch. Aber leider nicht überall.



Trauriges Lunchpaket der Diakonie

Zahlreiche Handybilder erreichten uns von glücklichen Pflegekräften aus der ganzen Region. Mitarbeiter der Diakonie Neuendetteslau zeigten sich allerdings weniger begeistert. Und tatsächlich: Was uns hier an Fotos zugespielt wurden, gleicht einer Frechheit und Abwertung der Angestellten. Nicht nur die Menge ist unzureichend, Kindergartenkinder haben mehr Vesper dabei, auch die Auswahl wird durchweg als „Witz“ bezeichnet. Pflegekräfte verrichten körperlich anstrengende Arbeiten und erhalten dann eine Tüte für den hohlen Zahn. Der angedachte Betrag von 6,50 Euro ist auf rund 1,50 Euro zusammengeschrumpft.

Lunchpaket von Diakoneo. Auch die Mitarbeiter der Himmelkroner Heime bekommen eine solche Lieferung aus Neuendettelsau. Foto: priv.



Angemerkt sei aber auch, dass von den 6,50 Euro, die der Staat je Person zur Verfügung stellt, auch der logistische und verwaltungstechnische Aufwand finanziert werden muss. In der Regel übernimmt das aber der Arbeitgeber freiwillig, wie uns jetzt ganz oft mitgeteilt wurde. Das Beispiel der Diakonie in Neuendettelsau scheint eine traurige Ausnahme zu sein. Täglich wird das Lunchpaket in der diakonieeigenen Zentralversorgung in Neuendettelsau zusammengestellt und bis nach Himmelkron gefahren.

Die Kosten für den langen Weg zieht man den Mitarbeitern vom Essensgeld ab. Die Diakonie betreibt nicht nur ein eigenes Hotel, sondern auch eine Metzgerei und eine Bäckerei. Nachdem das Hotel wegen der Coronakrise geschlossen werden musste, beauftragte man die eigene Bäckerei und Metzgerei mit der Herstellung der „Lunchpakete“, sagt Diakoneo-Sprecher Thomas Schaller. Dies sei auch eine Art Sicherstellung der Weiterbeschäftigung, sagt Schaller. Aber zu Lasten derer, die mit der Aktion Anerkennung erfahren sollten?

Links die Verpflegung von Diakoneo, rechts die BRK Sozialstation Fürth. Fotos: priv.



Diakonie lenkt nicht ein

Knapp 140 Kilometer weit werden Radieschen und Karotten durch die Gegend gefahren. Mitarbeiter monieren das und sprechen von Unwirtschaftlichkeit. Sie fordern, dass sich die Verteilung an anderen Modellen orientiert. Beispielsweise, dass man Gutscheine für örtliche Bäcker im Landkreis Kulmbach ausstellt, damit der Betrag von 6,50 Euro auch wirklich dort ankommt wo er gebraucht wird. An der Front; bei den Menschen, die unser Leben schützen.

Schaller widerspricht dem Vorschlag allerdings. Er will alle Mitarbeiter weiterhin über Neuendettelsau versorgen lassen. Man prüfe aber, ob die Produktion vor Ort im Kreis Kulmbach aufgenommen werden kann. Wie Schaller ausführt, bietet der Freistaat den Unternehmen im Pflegebereich eine Kostenübernahme für die Mitarbeiterverpflegung an. Es bestehe also kein Anspruch von einzelnen Mitarbeitenden auf diese zusätzliche Leistung, sagt Schaller. „Ein Schlag in die Fresse“, kommentieren Mitarbeiter diese Aussagen. Eine Pflegerin kündigte schon an, sich anderweitig zu orientieren. „Ich suche mir lieber einen sozialen Arbeitgeber, der auch diesen Sozialberuf würdigt. Gebraucht werden wir ja überall“.



Nicht nur uns erreichten die Bilder der „traurigen Lunchpakete“. Auch die Bayerische Staatsregierung wurde bereits informiert.

Weitere Bilder aus Neuendettelsau:



Schnelle Infos über Push und Telegramm wieder aktiv



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.