Update aus Mitterteich: Burschenverein wehrt sich gegen Vorwürfe, Brauerei zeigt sich uneinsichtig


MITTERTEICH. Der kleine Ort Mitterteich im Landkreis Tirschenreuth macht mächtig Schlagzeilen. Trotz steigender Coronazahlen fand hier Anfang März eine große Party statt. Veranstalter und Partygäste trotzten den internationalen Empfehlungen, haben sogar mit „Schluckimpfung“ gegen Corona geworben. Jetzt gibt es vor allem Hohn und Spott für den Ort, der als erstes in Bayern eine Ausgangssperre verhängt bekommen hat. Doch ein Spaß ist das lange nicht mehr. Es geht um Leben und Tod: Zwei Menschen aus der Region sind bereits gestorben. 




Update:

Die Lage in Mitterteich kann kaum tragischer sein, als sie es bereits ist. Am 7. März hat der Ort zum Starkbierfest geladen. Eine riesige Party, die in den örtlichen Medien publiziert und gefeiert wurde. Eng an eng, feierten hunderte Menschen eine „Massen-Schluckimpfung“ gegen das Coronavirus. Was ein scheinbar witziger Werbegag der Brauerei sein sollte, bekommt jetzt einen faden Beigeschmack. Menschen kämpfen um ihr Leben. Ob das Starkbierfest aber tatsächlich der Auslöser für die vielen Erkrankten war, ist noch nicht offiziell bestätigt. „Vielleicht hätte man es verbieten sollen“, sagte Bürgermeister Grillmeier gegenüber der dpa. Man habe das besprochen, am Ende sich aber für das Fest entschieden. „Ein Starkbierfest ist vermutlich verantwortlich“, sagte auch Ministerpräsident Markus Söder am Donnerstag.

Man könne es aber nicht sicher sagen, so eine Sprecherin der örtlichen Behörden. Die Ansteckungswege sind nicht mehr nachvollziehbar. Ein älterer Mann, der nicht auf dem Fest war, soll einer der ersten bestätigten Fälle gewesen sein. Allerdings bestätigen Virologen, dass auch jüngere Menschen, wie beispielsweise Partygänger aus Mitterteich, dern Virus unbewusst und ohne selbst zu erkranken, weitergetragen haben können. Die Veranstaltung hat aber die Lage sicherlich nicht entschärft. Dennoch halten die Bewohner jetzt fest zusammen und fügen sich auch der Ausgangssperre.



Verstöße gegen Allgemeinverfügungen: Mitterteicher feiert Party in Tirschenreuth

Burschenschaft wehrt sich 

Matthias Kraft, der 2. Vorsitzende des Burschenverein Mitterteich, teilte der Redaktion mit, dass man sich ausgiebig informiert habe, und die Behörden keine Einwände gegen das Fest gehabt hätten. „Unser Festleiter hatte alles mit den zuständigen Ämtern telefonisch abgestimmt“, sagt Kraft. man habe also nicht aufs gerade Wohl ein Fest gehalten, sondern alle notwendigen Behörden befragt. „Es wurde bedenkenlos grünes Licht für das Fest gegeben“, sagt Kraft. „Sonst hätten wir es selbstverständlich auch nicht gehalten“. Einzige Auflage sei ein Desinfektionsmittel-Spender auf den Toiletten gewesen.

Entgegen anders lautender Kommentare im Netz, war demnach die Gefahr von Corona also durchaus bekannt, wenn auch als sehr gering eingestuft. Das bestätigen auch Einlassungen des Robert-Koch-Instituts zu dem Zeitpunkt. Im Vorfeld des Festes war die Risikoeinschätzung der Experten erst bei „gering“, später dann bei „mäßig“. Aktuell steht diese bei „hoch“. Dem Burschenverein Mitterteich kann man also nicht die Schuld geben.

 

Nachtrag: Mit diesem Posting warb eine Brauerei für das Starkbierfest. Auch wenn der Beitrag öffentlich war, haben wir ihn zum Schutz zensiert. Denn die Brauerei sieht sich benachteiligt. Mit dem Beitrag wollte man nicht provozieren. Die Lage sei am 6. März noch nicht so dramatisch gewesen. Allerdings hatten wir und auch andere Medien schon Ende Februar vor den Folgen gewarnt. Auch das Paulaner Starkbierbest am Nockherberg wurde abgesagt, Mitterteich hat es nicht getan. Auf Nachfrage, ob sich die Brauerei dazu äußern oder entschuldigen will, wurde uns mitgeteilt, dass das Posting ein Fehler war, aber man sich nicht dafür entschuldigen will. Zudem seien wir Reporter „Gutmenschen“. Danke, das sind wir gerne. (Markus Roider)



Mehr als 100 Menschen sollen sich mit Corona angesteckt haben. Das Landratsamt bestätigt bislang 62 Fälle im Landkreis; überwiegend in Mitterteich. Viele Menschen befinden sich in Quarantäne, zahlreiche Testergebnisse stehen noch aus. Im Krankenhaus mussten zudem sieben Patienten an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden; darunter auch ein neun Jahre altes Kind und ein 19 Jahre alter Mann. Fünf weitere Patienten seien im Seniorenalter. Am Freitag erreichte uns dann die Meldung, dass zwei Senioren (ein Mann (85) aus dem Landkreis Tirschenreuth und ein Mann (82) aus dem Landkreis Wunsiedel) gestorben sind.

Innenminister begrüßt Ausgangssperre

In Mitterteich wurde eine Ausgangssperre bis zunächst 2. April verhängt. Innenminister Joachim Herrmann machte sich gestern Abend selbst ein Bild der Lage vor Ort. „Ich empfinde dies als die absolut richtige Entscheidung!“, so der Innenminister zur Entscheidung des Landratsamtes Tirschenreuth. Man habe den Ernst der Lage erkannt und ohne Zögern sinnvoll und angemessen reagiert. Joachim Herrmann weiter: „Es geht jetzt darum, Zeit zu gewinnen und die Neuinfektionen zu verlangsamen, bestenfalls zu verhindern. Die Ausgangssperre ist der richtige und zweckmäßige Schritt hierfür.“



 

„Für triftige Gründe ist es der Bevölkerung nach wie vor erlaubt, das Haus zu verlassen, z. B. für Einkäufe, Arztbesuche oder wichtige Behördengänge“, teilte das Landratsamt mit. Auch der Gang zum Arbeitsplatz sei weiterhin möglich, sofern eine entsprechende Bescheinigung des Arbeitgebers vorgelegt werden kann. Die Polizei wird im Stadtgebiet Mitterteich in den nächsten Tagen verstärkt die Einhaltung der Ausgangssperre in der Bevölkerung kontrollieren. Auf Straßensperren möchte man vorerst verzichten, man vertraut auf die Vernunft und die Kooperation der Bürgerinnen und Bürger. Verstöße gegen die Ausgangssperre werden als Straftat geahndet, deshalb bittet die Polizei eindringlich darum, sich an die entsprechenden Bestimmungen zu halten. Es finden bereits umfangreiche Kontrollen statt.

 



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