Tote Babys nach Geburtseinleitung: Auch Lauf und Bayreuth setzen umstrittenes Medikament ein


LAUF/BAYREUTH/KULMBACH/NÜRNBERG. Es kann unterschiedlicher nicht sein. Die meisten Krankenhäuser der Region verwenden noch immer das umstrittene Medikament Cytotec. Ein Magenmittel, das Wehen einleitet. Lediglich in Kulmbach lässt man die Finger davon.




Ein Skandal, der offenbar keiner ist. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung, sind die Emotionen hochgekocht. Vor allem im Internet sind die Meinungen auseinander gegangen. Darin wurde die Problematik der Geburtseinleitung in Deutschland anhand seltener Fälle von Müttern und deren seit Geburt behinderten Kindern geschildert. Die Schäden sollen in Zusammenhang mit einem Wehensturm stehen; ausgelöst durch das Medikament.

Die Reporter warfen Geburtsmedizinern vor, Geburten seit Jahren mit dem Medikament Cytotec einzuleiten, das eigentlich nur zum Schutz der Magenschleimhaut eingesetzt werden dürfe. Als Nebenwirkung löst es aber Wehenstürme aus. Die Folge laut dem Bericht: Risse an der Gebärmutter und Sauerstoffmangel beim Kind sind mögliche Folgen. Viele Menschen machen seitdem das Medikament für Totgeburten verantwortlich. Auch nach Recherchen von report München kommt es unter der Gabe des Medikamentes „zu erheblichen Komplikationen – von einem Wehensturm oder einem Gebärmutterriss, bis hin zum Tod von Mutter oder Kind“.



Keine Zulassung

Bereits einen Tag nach Erscheinen des Berichts von SZ und BR gaben mehrere Ärzte eine Erklärung im Namen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe heraus. „Wir wollen den Schaden begrenzen, den die Verunsicherung über ein wirksames und sicheres Medikament gerade verursacht,“ heißt es in dem Papier. Die Behauptung, dass sich die Ärzte lediglich auf „Erfahrungswerte und Anwendungsbeobachtungen stützen“, sei falsch; es gebe keinen Wirkstoff zur Geburtseinleitung, der ähnlich gut in Studien untersucht wurde. Mittlerweile gebe es mehr als 80 randomisiert-kontrollierte Studien zur Verwendung von oralem Misoprostol zur Geburtseinleitung und dutzende randomisiert-kontrollierte Studien zur vaginalen Applikation

Fakt ist aber: Cytotec hat keine Zulassung. Aus diesem Grund setzt es das Klinikum Kulmbach auch nicht ein, sagt Geschäftsführerin Brigitte Angermann. „Weil unsere Ärzte zu geringe Erfahrungswerte haben und das Medikament nicht zugelassen ist“. Auch wenn der Einsatz von Cytotec unkomplizert sei, was zumindest die Applikation angeht, sagt der leitenden Arzt der Kulmbacher Frauenklinik, Dr. Benno Lex.



Ärzte verweisen auf Stellungnahme 

De Krankenhäuser Bayreuth, Lauf und Nürnberg verwenden das Medikament weiterhin, obwohl es nicht zur Weheneinleitung zugelassen ist. Das Medikament komme zum Einsatz, „wenn die Indikation stimmt und die Patientinnen darüber umfassend aufgeklärt wurden (und ihr Einverständnis gegeben haben), dass es sich um einen Off-Label-Use eines von der WHO empfohlenen und weltweit zahlreich angewendeten Medikaments handelt“, sagt die Sprecherin der Nürnberger Geburtskliniken Doris Strahler.

Man verwende seit Jahren zur Geburtseinleitung neben vielen anderen medikamentösen und mechanischen Möglichkeiten auch das Medikament Cytotec mit dem Wirkstoff Misoprostol. Die Ärzte in der Geburtshilfe des Klinikums Nürnberg und Lauf seien bei der Gabe des Medikaments sensibilisiert, dass dadurch ein so genannter Wehensturm ausgelöst werden kann. Dieser könne aber in seltenen Fällen auch bei einer ganz normalen Geburt vorkommen, sagt Strahler. „Derartige schwere Vorfälle wie in der SZ beschrieben, gab es aber in all den Jahren, in denen im Klinikum Nürnberg Cytotec zum Einsatz kommt, nicht einen einzigen“, so Strahler weiter.



Auch das Bayreuther Klinikum verwendet Cytotec weiterhin und verweist auf die Einlassung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die von Prof. Dr. med. habil. Sven Kehl und Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn verfasst wurde. Demnach sei ist richtig, dass „Cytotec 200“ ein Medikament ist, das zum Schutz der Schleimhaut des Magens zugelassen wurde. Der Wirkstoff „Misoprostol“, ein Prostaglandin-E1-Analogon, habe wie andere Wirkstoffe auch Effekte an verschiedenen Organen.

Es führe laut der Gesellschaft so zum Beispiel an der Gebärmutter zu einer Reifung des Gebärmutterhalses und Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur, weshalb es auch zur Geburtseinleitung verwendet wird. Entgegen der SZ-Berichterstattung sei der Wirkstoff Misoprostol zur Geburtseinleitung bei geburtshilflichen Experten nicht umstritten, weshalb fast alle Perinatalzentren höchster Ordnung diesen Wirkstoff verwenden. Hierbei wird nicht „Cytotec 200“ genutzt, sondern ein Misoprostol-Präparat geringerer Dosierung, steht in der Einlassung.



Mangelhafte Aufklärung 

Entgegen der Einlassung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, schilderten laut einem neuen SZ-Bericht zahlreiche Frauen im Internet, nicht ausreichend über Alternativen aufgeklärt worden zu sein oder eine zu hohe Dosis Misoprostol bekommen zu haben. Daraufhin hätten sie schmerzhafte Übererregungen der Gebärmutter bekommen, sogenannte Wehenstürme.

„Leider gibt es eine Therapielücke“, sagte  LMU-Ärztin Maria Delius gegenüber der SZ. „Alle weheneinleitenden Mittel sind nur in ausgewählten Situationen hilfreich und anwendbar. In jeder Lage gibt es ein Mittel, das besser ist.“ Michael Abou-Dakn sagt: „Tatsächlich gibt es Unsicherheiten in der Literatur hinsichtlich Dosierung, Anwendungshäufigkeit und Überwachung. Die Leitlinien dazu werden gerade überarbeitet.“





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