Fake-Einsatz: Angeblich geschlagener Feuerwehrsanni kommt straffrei davon


BAIERSDORF/ERLANGEN. Er gab ab an, im Einsatz verprügelt worden zu sein. Schnell verwickelte sich der ehemalige Feuerwehr-Sanitäter in Widersprüche und legte schließlich ein Geständnis ab. Gegen seine Kündigung klagte der Mann und erzielte einen Teilerfolg. Im Strafverfahren kam er ebenfalls mit einem blauen Auge davon.




Der Vorfall sorgte für Schlagzeilen: Ein 20 Jahre alter Feuerwehrmann sicherte in Fahrtrichtung Würzburg auf der Ausfädelspur der Ausfahrt Erlangen-Frauenaurach mit seinem Dienstfahrzeug ein Fahrzeug ab. Im Verlaufe des Einsatzes soll er schwer attackiert worden sein. Der Rettungsdienst muss seinen Kollegen retten und in eine Klinik bringen. Dann legt der 20-Jährige sein Ehrenamt nieder. Doch das vermeintliche Opfer wurde schnell zum Täter. Wie bereits mehrfach berichtet, soll der 20-jährige Feuerwehr-Sanitäter auf der A3 eine Familie an der Abschlussstelle Frauenaurach abgesichert haben. Als das Fahrzeug wieder weiterfahren konnte, baute der Feuerwehr-Sanitäter sein Absicherungmaterial ab, wie er der Polizei schilderte. In diesem Augenblick habe sich laut seinen Angaben dann von hinten ein Kleintransporter mit Lichthupe und Hupe genähert; blieb hinter dem First-Responder-Fahrzeug stehen.

Fahrer und Beifahrer des Transporters seien dann ausgestiegen und sollen den Feuerwehrangehörigen unter anderem mit „Scheiß Feuerwehr“ beschimpft haben. Auf Rückfrage, warum er beleidigt wird, schlug und trat der Fahrer des Transporters auf den Retter ein, bis dieser auf die Fahrbahn stürzte und liegen blieb. Danach fuhren die Täter angeblich weiter und der Rettungsdienst musste seinen Kollegen retten und ins Krankenhaus bringen.



Erstunken und erlogen 

Doch dass sich der Vorfall wie beschrieben zugetragen hat, daran zweifeln unterdessen nicht nur die Kollegen des 20-Jährigen. Auch die Polizei ermittelt bereits gegen den Feuerwehr-Sanitäter, der sich in den Medien als Opfer präsentierte. Bei bayern-reporter.com zeigte er sich als verletzter und gekränkter Ehrenamtlicher, der aber die ganze Tat scheinbar geplant hatte. Nach derzeitigem Kenntnisstand, ist es auf der A3 zu keinem solchen Prügelvorfall gekommen. Vielmehr soll der 20-Jährige das Dienstauto „wiederholt missbraucht“ haben. Immer dann, wenn er selbst keinen fahrbaren Untersatz hatte. Nicht selten war er überörtlich unterwegs, kam „zufällig“ zu Einsatzstellen hinzu.

Nach der Berichterstattung über den ehrenamtlichen Feuerwehrmann, der im Hauptberuf eine Ausbildung zum Notfallsanitäter macht, meldeten sich zahlreiche Kollegen und ehemalige Kameraden des 20-Jährigen. Ihnen platzte der Kragen, weil sich der Feuerwehr-Sanitäter zum Opfer machte, obwohl er „den größten Dreck am Stecken“ hätte. Und tatsächlich kommen immer mehr Zweifel auf. Bei der Polizei sagte der 20-Jährige aus, er sei zufällig im Rahmen einer privaten Dienstfahrt zu diesem Pannenfahrzeug gekommen. Bei der Leitstelle meldete er allerdings, dass eine Bekannte von ihm medizinische Probleme hätte und keinen Rettungsdienst möchte. Er wolle sich die Sache ansehen.



Widersprüchliche Angaben

Im Interview mit unserer Redaktion sagte der 20-Jährige, ein Kumpel habe ihn angerufen und über den Fall informiert. Statt den örtlichen Rettungsdienst zu alarmieren, machte sich S. selbst auf den Weg. Dazu hat er offenbar zum wiederholten Male seinen Einsatzbereich verlassen. Was er später auch selbst einräumte. Mit Blaulicht und Einsatzhorn bretterte der junge Mann über die A73 bis auf die A3 nach Frauenaurach. Insgesamt mehr als 30 Kilometer stehen später zu Buche.

An der Einsatzstelle habe er dann eine Frau im Auto sitzend vorgefunden. Sie sei auf der Einfädelspur gestanden und habe eine Panikattacke erlitten. Auch sein Bekannter sei noch vor Ort gewesen, wird S. später sagen. Davon weiß die Polizei allerdings nichts. Der Bekannte sei auch nie erwähnt worden. Eine Schutzbehauptung des 20-Jährigen? Von der Frau in dem PKW will S. keine Daten erhoben haben, wie er sagt. Sie sei zu sehr durcheinander gewesen.  Aber er habe sie weiterfahren lassen. Kurz darauf sei es zu dem Vorfall mit dem Transporter gekommen, der aber auch nicht stattgefunden hat. „Alles sehr seltsam“, sagen seine Exkollegen. So entlässt man keinen Patienten.



Geständnis abgelegt

Wie aus den Ermittlungsakten hervorgeht, die uns teilweise vorliegen, habe S. schon frühzeitig eine Rückmeldung an die Leitstelle gegeben. Darin soll es geheißen haben, dass jemand sehr aggressiv sei, und Hilfe durch die Polizei benötigt werde. Der nächste Widerspruch, denn zeitlich wäre er da noch mit seiner Patientin beschäftigt gewesen und der Transporter sei ja erst später gekommen. Was er wohl nicht wusste: An der beschriebenen Stelle stand sogar eine Verkehrskamera, da war aber natürlich nichts zu sehen. Bei der Polizei hat der 20-Jährige bereits ein Geständnis abgelegt und auch in einem neuen Interview mit Bayern-Reporter, räumt er seine Geschichte als Lüge ein. „Ich habe mir das nur ausgedacht“, sagt er. Warum? Das weiß er jetzt auch nicht mehr.

Ich kann es mir selbst nicht erklären und das macht mir seit dem Ereignis einen Kopf. Sonst bin doch eigentlich ich immer derjenige, der zur Wahrheit steht und sämtliche Lügen hasst. (Geständnis aus dem Interview mit Bayern-Reporter).

S. spricht von einem Fakeeinsatz, den er sich ausgedacht habe. Als er an der besagten Stelle eintraf und alles inszenzieren wollte, fiel ihm zudem auf, dass er gar keine Dienstkleidung trug. „Ich bin dann sogar nochmal heimgefahren um mich umzuziehen“, erinnert sich S. im weiteren Verlauf. Dann habe er seine Absicherung aufgebaut und die Leitstelle angefunkt, um Hilfe von der Polizei zu erhalten. Als diese eintraf, habe man die Örtlichkeit dann auf einen nahe gelegenen Parkplatz verlegt. Dort wurde dann auch der Rettungsdienst alarmiert.



Seine erlittenen Verletzungen stammen laut seinem Freundeskreis von einer Schlägerei aus dem Vorfeld. Da soll er auf einer Party in Streit geraten sein. Das stimme aber nicht, sagt der sonst geständige Mann gegenüber Bayern-Reporter. Er berichtet von einem weiteren Vorfall, der sich auf der Landstraße zwischen Baiersdorf und Bubenreuth abgespielt habe. Dort habe er Prügel kassiert, will sich aber nicht näher dazu äußern. Deswegen sei er aber unter Schock gestanden und habe so gehandelt.

Rotes Kreuz zeigt sich schockiert

Leonhard Stärk, Landesgeschäftsführer beim Bayerischen Roten Kreuz, zeigt sich bei einem Interview mit unserer Redaktion Anfang Oktober schockiert. „Ein solcher Vorfall ist keine kleine Sache. Der BRK-Chef verurteilte damals den Vorfall auf das Schärfste. Beleidigungen seien an der Tagesordnung, aber so ein Gewaltdelikt stelle eine neue Dimension dar. Als er durch Bayern-Reporter erfuhr, dass die Geschichte frei erfunden war, war Stärk deutlich betroffen. Er sei „schockiert und entsetzt“, wie er sagt. Man müsse jetzt die weiteren Ermittlungen abwarten und analysieren, aber durch solche Mitarbeiter bringe man den ganzen Berufstand in Verruf.



Gegen Kündigung geklagt, Strafe kassiert

Gerade motivierte junge Rettungskräfte wie S. sind die Stütze der Gesellschaft. Sie arbeiten hauptberuflich und bieten ihre Hilfe auch noch im Ehrenamt an. Doch wenn es zu weit geht, weil ein hohes Maß an Geltungsbedürfnis vorhanden ist, wird es schnell gefährlich. Der junge Auszubildende wurde fristlos entlassen, doch er klagte dagegen. Bei einem gerichtlichen Vergleich einigten sich die Beteiligten darauf, sich „einvernehmlich“ zu trennen. Das hatte zur Folge, dass der junge Mann sogar noch ein Arbeitszeugnis der Marke „gut“ erhält und eine Abfindung von rund 3.000 Euro kassiert. Das Strafverfahren wurde gegen eine Geldauflage von 500 Euro eingestellt. Damit ist der junge Mann nicht vorbestraft und er erhält auch kein Berufsverbot.

Für den frei erfundenen Einsatz muss S. ebenfalls nicht aufkommen. Es wurden keine Ansprüche gemeldet.



 





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