Behinderter Bettler: Polizei beschlagnahmt neun Euro im Pappbecher


NÜRNBERG. Die Nürnberger Polizei muss sich aktuell mit heftigen Anschuldigungen auseinandersetzen. Zwei Beamte sollen am Montagmittag einem behinderten Bettler seinen Pappbecher mit neun Euro abgenommen haben. Der Mann weinte und Passanten kümmerten sich um ihn. Die Polizei verteidigt ihr Vorgehen und hat dafür auch Gründe. 




„Es ist sehr schnell gegangen“, sagt Julia G. aus Nürnberg. Die 34-Jährige war am Montagvormittag mit ihrem Mann in der Nürnberger Innenstadt unterwegs. Kurz nach 11 Uhr befand sich das Paar im Bereich einer Bankfiliale in der Königstraße, als plötzlich ein Streifenwagen der Nürnberg Polizei vorfuhr. „Die Beamten sind direkt und gezielt auf zwei Bettler zugegangen“, schildert die 34-Jährige. Einer habe schnell das Weite gesucht, der andere sei körperlich schwer behindert gewesen und „deswegen nicht so mobil“, sagt die Passantin.

Sie konnte beobachten, wie man den Mann durchsuchte und seine Papiere überprüfte. Zunächst eine augenscheinlich normale Polizeimaßnahme. Doch dann griff einer der Beamten nach einem Pappbecher, den der Obdachlose in seiner Hand hielt. Wie später bekannt wurde, befanden sich darin etwas mehr als neun Euro. Die Beamten leerten den Becher aus und nahmen das Geld an sich. „Eine Sicherstellung“, wie sich herausstellte. Und so schnell die Polizei da war, „so schnell war sie auch wieder weg“, sagt Julia G., die ihren Augen nicht traute.



Hat die Polizei tatsächlich einem Bettler seine wenigen Groschen genommen? „Der Mann hat geweint“, erinnert sich Julia. Deswegen habe sie ihn angesprochen, wollte sich um den Obdachlosen kümmern. Er zeigte der 34-Jährigen das Protokoll. Es liegt der Redaktion im Original vor. Neben dem Namen des Obdachlosen und der Polizeibeamten, ist darauf das Datum vom Montag zu lesen, die Örtlichkeit und vieles mehr. Aber auch die Höhe des Geldbetrages und der Grund der Sicherstellung. Es handelt sich demnach um genau 9,50 Euro aus einem „Bettelerlös“.

Polizei verteidigt ihr Vorgehen

Eine zensierte Version des Protokolls ist im Internet gelandet. Viele Nutzer schimpften auf die Polizei und zeigten ihre Missachtung. Am wohl stürmischsten Tag des Jahres, habe man dem Mann seine Tageseinnahmen angenommen. Viele Kommentare kann man gar nicht zitieren, weil sie unter der Gürtellinie landeten. Auf Nachfrage unserer Redaktion bestätigte die Polizei den Einsatz. Es sei auch richtig, dass man dem Mann das Geld abnehmen musste. Pressesprecher Michael Petzold verteidigt das Vorgehen der Beamten und beruft sich dabei auf das Bayerische Straßen- und Wegegesetz (BayStrWG) sowie einer Anordnung der Stadt Nürnberg. Demnach ist das Betteln in der Innenstadt auch nach § 8 der Sondernutzung der Stadt Nürnberg „verboten und stellt eine Ordnungswidrigkeit dar“. Um die Kosten des Verfahrens abzufangen und auch dem Bußgeld wegen, stelle man den Bettelerlös sicher, sagt Petzold. 50 Euro seien für illegales Betteln fällig, hinzu kommen 28,50 Euro Gebühren.



Die Stadt habe nach zahlreichen Bürgerbeschwerden den Druck auf die Polizei erhöht, sagt Petzold. Besonders seien dabei aber die Bettlerbanden im Visier der Behörden. Diese professionell agierenden Gruppierungen seien bundesweit unterwegs. Im Regelfall werden „ausgebildete Bettler“ in die Zentren gebracht. Wenn sie ihr Soll erfüllt haben, werden sie von Hintermännern abgeholt, abkassiert und andernorts wieder ausgesetzt.

Nicht selten stößt man dabei auch auf augenscheinlich kranke und gebrechliche Menschen, die mittels Pappbecher um Almosen betteln. Erreichen sie ihr Ziel nicht, werden sie oftmals sogar aggressiv. Im vergangenen Jahr habe man mehr als einhundert Mal polizeilich eingreifen müssen, sagt Polizeisprecherin Alexandra Federl. Doppelt so oft wie im Vorjahr.



Dabei will man die örtliche Obdachlosen-Szene aber mehr oder weniger tolerieren. „Man kennt sich“, sagt Petzold. Die Beamten hätten das nötige Fingerspitzengefühl um agieren zu können. „Niemand wird sich selbst überlassen“, ergänzt der Sprecher. Muss die Polizei einschreiten und auch den Bettelerlös kassieren, so achte man stets darauf, „dass dem Betroffenen nicht alles genommen wird“. Geld für Nahrungsmittel bzw Fahrtkosten, lasse man stets übrig, sagt Petzold.

Im Fall vom Montag, ist der Bettler aber kein Unbekannter. Die Polizei ordnet ihn der überörtlichen und organisierten Szene zu. Er sei einschlägig bekannt, besitzt laut BR-Recherchen sogar ein Facebookprofil und präsentiert sich dort als Familienvater. In Nürnberg findet man ihn meist auf Krücken vor, manchmal auch auf Knien. Essens – oder Fahrtgeld würde er nicht benötigen, sagt der Polizeisprecher. Denn auch er würde regelmäßig gefahren werden.





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