Interview der Woche: Chris, der Sturmjäger


KULMBACH. Jede Woche präsentieren wir unser „Interview der Woche“. Weil sich aktuell alles um den drohenden Sturm dreht, haben wir uns mit Stormchaser Christopher Pittrof aus dem Landkreis Kulmbach unterhalten. 




Danke, für deine Zeit Chris. Wir wissen das zu schätzen, denn aktuell wirst Du mit der Sturmprognose viel zu tun haben. Deswegen gleich mal die erste Frage: Wann und wie trifft Sabine auf Nordbayern? 

Pittrof: Das lässt sich vorher immer schwer sagen. Aber in der Nacht auf Montag frischt der Wind zunehmend auf. Am Montagmorgen erreicht das Sturmfeld vorerst seinen Höhepunkt. Verbreitet Böen um 70-90km/h, im Bergland um 100 km/h oder darüber sind möglich. Im Zuge der aufziehenden Kaltfront kann es dann u.U. zu Orkanböen kommen.

Das klingt fast schon wie der professionelle Wetterbericht im Fernsehen. Woher hast Du Wissen zu all dem? 

Pittrof: Das kann man sich eigentlich selbst aneignen. Für eine grobe Analyse stellen diverse Portale und das Internet allgemein alle grundlegenden Informationen zur Verfügung. Der Rest ist eigenes Wissen und Erfahrung, speziell um Gefahren einschätzen bzw abwägen zu können.

Trotzdem stützen sich ja auch regionale Medien auf deine Prognosen und Einschätzungen. Freut dich diese Anerkennung? 

Pittrof: Mir geht es vor allem darum, viele Menschen mit meinen Warnungen und Informationen zu versorgen. In erster Linie sind das natürlich ganz „normale“ Privatpersonen. Jedoch holen sich auch vermehrt zahlreiche Feuerwehren etc. Infos über anstehende Unwetter ab und eben nicht zuletzt die regionalen Medien, was mich in meiner „Arbeit“ (die ja nur ein Hobby ist) bestärkt. Die Anerkennung über die geleistete Arbeit und Zeit macht mich schon ein Stück weit stolz.



Seit wann betreibst Du dieses Hobby und wie bist Du darauf gekommen? 

Pittrof: Die Wetterseite auf Facebook gibt es seit mittlerweile knapp sieben Jahren. Die eigentliche Unwetterbeobachtung und Wetterfotografie, die mich ursprünglich in die Thematik gebracht hat betreibe ich seit rund 14 Jahren. Ich war damals zelten, als ein großer Gewitterkomplex aufzog und ich den Naturgewalten beinahe schutzlos ausgeliefert war. Ich war von den Naturgewalten so fasziniert, dass ich wissen wollte, wie so etwas entstehen kann und was dazu nötig ist – so fing es an.

Stormchasing kennt man vor allem aus der USA. Gehst Du auch dort hin, wo andere eigentlich weggehen, wenn es heikel wird? 

Pittrof: Stormchasing hat in den USA in den letzten 5 Jahren enorm zugenommen. Ursprünglich diente es dazu, aktuelle Tornadomeldungen an die Fernseh- und Radiosender zu geben, da diese auf die Hilfe der „Chaser“ angewiesen waren. Seien es vor-Ort-Sichtmeldungen oder aber die sogenannten „DOW“ (Doppler on wheels) – also fahrbare Wetterradare. Inzwischen ist es leider zu einem kommerziellen Katastrophentourismus ausgeartet, der den seriösen Stormchasern die Arbeit immens erschwert. Diese katastrophengeilen Touristen lassen sich mit Bussen in heftigste Unwetter karren, nur um die pure Gewalt zu spüren. Jemand, der das professionell ausübt und vor allem Ahnung davon hat, würde nie in die Mitte eines Unwetters fahren (man nennt das corepunch), da man da ausser viel Regen nicht viel sieht und auch versteckte Gefahren nicht erkennt. Es gibt ein Sprichwort: „Ein guter Chaser wird nicht nass“ und da ist durchaus was dran. Wenn es zu heikel wird, hat man etwas falsch gemacht. Eine gewisse Distanz sollte immer eingehalten werden. Nicht zuletzt wegen Blitzschlag. Neben dem Laufenden Verkehr die größte Gefahr beim Stormchasing

Warst Du schon mal zufällig in einer gefährlichen Lage? 

Pittrof: Ich glaube, die gefährlichste Situation war die, die mich letztendlich in die Materie Wetter geführt hat, als damals diese enorme Gewitterlinie auf mich zu zog. Ich konnte mein Zelt noch wetterfest machen und mich gerade noch so in ein Gebäude flüchten. Kurze Zeit später gab es schwere Sturmböen, größeren Hagel und unaufhörliches Dauerblitzen.

Was war deine spektakulärste Sichtung?

Pittrof: Ganz klar der Tornado im Jahr 2015. Damals hatten wir auch ein kleines Interview gemacht. Vielleicht kann man das hier verlinken.

Machen wir gerne:

Stormchaser aus Stadtsteinach bekommt Tornado vor die Linse



Immer wieder lesen wir im Netz vom Supersturm, vom Supermond und anderen „Supereignissen“. Übertreiben es gewisse Medien mit der Berichterstattung? 

Pittrof: Absolut! Der Clickbait-Wahnsinn nimmt in den letzten Wochen immer mehr Überhand. Es werden die wildesten Begriffe erfunden und neu kreiert, seien sie auch noch so falsch. Angefangen hat alles vor vielen Jahren mit dem Mini-Tornado, was zwar nicht Übertreibung ist, aber genauso falsch. Heutzutage liest man immer mehr Worte wie Superorkan, Monster-Sturm, Killer-Blizzard. Das hat alles nicht mit Seriösität zu tun sondern dient lediglich der Aufmerksamkeit. Seriöse Meteorologie hat es in diesen Tagen schwerer denn je.

Du hast es angesprochen. Der „Minitornado“, oder die „kleine Windhose“. Kannst Du uns mal erklären, was es mit den Begriffen auf sich hat? 

Pittrof: Das ist reiner Unfug. Es gibt weder einen Minitornado, noch eine kleine Windhose. Ein Tornado ist ein Tornado, da gibt es kein „mini“. Auch die äußere Erscheinung ist irrelevant, da die Stärke des Tornados anhand der aufgetretenen Windstärke ermittelt wird. Wie breit oder groß er ist spielt hierbei keine Rolle. Auch der Begriff Windhose ist letztendlich ein Tornado. Windhose ist lediglich der landläufige Begriff dafür, der früher vor allem verwendet wurde. Fälschlicherweise werden oft Staubteufel oder Heuteufel als Windhose bezeichnet, was leider genauso falsch ist, da die Entstehung eine ganz andere wie die eines Tornados ist.

Nehmen die Wettereignisse deiner Meinung nach zu, oder nimmt nur die Berichterstattung zu?

Pittrof: Eine Zunahme sehe ich nicht. Die Stärke der jeweiligen Unwettersituation scheint aber intensiver zu werden. Ganz klar sehe ich aber, dass die mediale Berichterstattung darüber exorbitant ansteigt und eine Zunahme der Unwetter so suggeriert wird. Nicht zuletzt, da auch oft harmlose Wetterlagen dem Clickbait-Wahnsinn zum Opfer fallen und dann etwas dramatisiert wird, was eigentlich gar nicht sein müsste.



Was kannst Du unseren Lesen abschließend mit auf den Weg geben?

Pittrof: Dass man nicht alles, was viele Medien einem da vorgaukeln, glauben sollte, sondern lieber mal selbst etwas mehr recherchieren und auf seriösen Plattformen nach Wetterinfos zu sollte

Chris, vielen Dank für diesen Einblick in dein spannendes Hobby und deine Infos die wir in unsere Berichte immer wieder gerne einfliesen lassen. Was wünscht man einem Stormchaser? „Gut Wind“? 

Pittrof: Spannendes Wetter ohne große Schäden. Lieber eindrucksvolle fotogene Gewitter.

Das wollen wir alle hoffen. Und wer sich informieren möchte, kann das auf der Facebookseite von Stormchasing Oberfranken tun, oder in unserm Liveticker zur Sturmlage Sabine. Danke für das Interview. 

Liveticker zur Orkanlage Sabine: Bahn kündigt Einschränkungen an



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