Organspende: Pegnitzer Patientin fühlt sich von der Politik verlassen


BERLIN/PEGNITZ. Die Situation für Schwerkranke, die dringend auf ein Organ warten, spitzt sich immer weiter zu. Ein Vorstoß von Gesundheitsminister Spahn, der eigentlich für Entspannung sorgen sollte, wurde vom Bundestag mehrheitlich abgelehnt. Das stößt vor allem bei den betroffenen Patienten für Unmut und große Sorge. 




​Im vergangenen Jahr haben in Deutschland 932 Menschen nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe für eine Transplantation gespendet. Damit hat sich die Zahl der Organspender laut Angaben der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO)annähernd auf dem Niveau von 2018 (955 Organspender) gehalten. Der deutliche Anstieg im vorletzten Jahr hat sich demnach nach vielen Jahren des Rückgangs der Organspende konsolidiert. Allerdings bildet Deutschland mit einer bundesdurchschnittlichen Spenderrate von 11,2 Spendern pro eine Million Einwohner nach wie vor eines der Schlusslichter im internationalen Vergleich. Nun scheiterte am Donnerstag der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auch noch mit seiner Vision einer Widerspruchslösung, die von der DSO ausdrücklich begrüßt worden wäre, wie eine Sprecherin unserer Zeitung bestätigte.

Die Idee sah vor, dass jeder Mensch ab dem 16. Lebensjahr als potenzieller Spender eingestuft wird, sofern er nicht ausdrücklich widerspricht. Unter jubelnden Klängen der AfD wurde am Donnerstag das Abstimmungsergebnis verkündet. „Ich bitte, von Beifallsbekundungen abzusehen“, mahnt Vizebundestagspräsident Wolfgang Kubicki (FDP). Lediglich 292 stimmten für die Widerspruchslösung, 379 waren dagegen. Der gegenläufige Antrag von Grünenchefin Bearbock wurde hingegen von 382 Abgeordneten befürwortet. 261 waren gegen die „Zustimmungslösung“. Diese sieht unter anderem vor, dass Hausärzte das Thema Organspende direkt beim Patienten ansprechen sollen. Auch beim Passamt, sollen Bürger bei Passabholung mit dem Thema konfrontiert werden.



Junge Pegnitzerin ist verzweifelt

Es soll also mehr darüber gesprochen werden, was zwar gut ist, aber den Betroffenen hilft das wohl nicht viel weiter. So denkt auch Lisa Schneider aus Pegnitz. Die 27-Jährige wartet seit sieben Jahre auf eine Niere und eine Bauchspeicheldrüse. Seit dem hängt sie auch an der Dialyse und muss drei mal in der Woche fünf Stunden lang zur rettenden Blutwäsche. „Das zerstört mit psychisch und physisch“, sagt Lisa. Alleine das Punktieren sei jedes Mal eine neue Qual. Nach der Dialyse sei sie dann auch immer wieder körperlich am Ende.

Dreimal in der Woche muss Lisa (27) zur Dialyse. Fünf Stunden dauert es, und doppelt so lange dauert es, bis der Körper sich davon wieder erholt. Foto: red



Im Alter von drei Jahren erkrankte die 27-Jährige am EHEC Erreger. „Enterohämorrhagische Escherichia coli“; das sind bestimmte krankheitsauslösende Stämme des Darmbakteriums Escherichia coli. Diese Bakterien finden sich im Darm von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen, Ziegen, Rehen oder Hirschen. Sie können bestimmte Giftstoffe, sogenannte Shigatoxine, produzieren. Die Tiere erkranken daran in der Regel nicht, die Menschen schon.

Betroffene haben Angst

Die Folge war ein „multiples Organversagen“, wie Lisa sagt. 14 Operationen musste sie als Kind bereits über sich ergehen lassen. Darunter auch ein schwerer Eingriff am Herzen. Zwei Wochen lang lag sie im Koma, ein viertel Jahr lang auf der Intensivstation der Uniklinik München. Schon in dieser Phase musste Lisa zeitweise zur Dialyse, bekam sogar einen künstlichen Darmausgang. Auch die Bauschspeicheldrüse ist betroffen, weswegen die 27-Jährige als Spätfolge auch noch seit zwölf Jahren an Diabetes Typ 1 leidet. „Aufgeben war nie eine Option“, sagt die tapfere Frau im Interview mit unserem Reporter. Sie habe schon viel geschafft, aber vor der Zukunft hat sie Angst. „Ich weiß nicht, was noch alles auf mich zukommt“, sagt sie.

Der Vorstoß von Gesundheitsminister Spahn, machte ihr Hoffnung. „Ich dachte, dass es bei den vielen kranken Menschen und mir vielleicht schneller gehen könnte mit einer Organspende“.  Doch irgendwie habe sie mit der Entscheidung des Bundestags schon gerechnet. „Weil wenn man die Kommentare dazu gehört hat. Es gibt so viele Organspende-Gegner, aber ich hatte irgendwie trotzdem Hoffnung“, sagt Lisa.

Zwingen will die junge Pegnitzerin niemanden, wie sie sagt. Aber durch die von Spahn vorgeschlagene Variante, hätte sich jeder mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Nun befürchtet sie aber noch drastischere Folgen durch die Ablehnung der Widerspruchslösung. Nämlich „dass Deutschland aus Euro-Transplant rausfliegen könnte“. Derzeit würde man ohnehin fast nur noch Organe aus dem Ausland beziehen, wie Lisa weiß. Es bestehe die Gefahr, dass man bei zu wenig Spendenbereitschaft aus dem Inland, einfach aus dem Programm geworfen wird. „Das wäre schrecklich für die vielen kranken Menschen“, sagt Lisa.



Fliegt Deutschland jetzt bei Euro-Transplant raus? 

Die Zustimmungslösung kommt bei ihr und weiteren Betroffenen nicht gut an. „Ich glaube, dass das nicht viel bringt. Es gibt einfach zu viele Gegner“, glaubt die junge Frau. Dabei hätten viele Menschen „einfach überhaupt keine Ahnung“, was es heißt so lange schwer krank zu sein. Sie sieht die Widerspruchslösung, als das zielführendste Mittel. Radikal, aber auch lösungsorientiert sei der Weg, den man in Singapur beschreitet. Menschen, die keine Organspender sind, müssen bei Eigenbedarf auch wesentlich länger auf ein Organ warten.

Theresa Scheeben von Eurotransplant erklärte, dass die Stiftung darauf achte, dass der Austausch der Organe zwischen den Ländern auf lange Sicht einigermaßen im Gleichgewicht bleibe. „Nichtsdestotrotz wird die Priorität immer darauf liegen, Leben zu retten und nach den geltenden Regeln die größte Übereinstimmung zu finden“, betonte Scheeben. Demnach dürfe Deutschland langfristig nicht mehr Organe erhalten, als es spendet. Schon Länder, die dem Verbund beitreten wollen, müssen nach Angaben von Eurotransplant eine Mindestanzahl an Organspenden erreichen.

Dass Deutschland deshalb aus dem Organ-Netzwerk ausgeschlossen wird, ist jedoch unwahrscheinlich. Birgit Blome, Sprecherin der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) betonte, die Zahl der Spender pro Million Einwohner in Deutschland sei zwar niedrig, die absolute Zahl der Spender aber weit höher als in anderen ET-Ländern. Ihren Angaben zufolge hat Deutschland im vergangenen Jahr etwa 15 Prozent aller Organe an Patienten in anderen Ländern abgegeben. „Somit trägt Deutschland ganz entscheidend zur Erreichung der Ziele von Eurotransplant bei“, betonte Blome. Und auch Theresa Scheeben von Eurotransplant sagte: „Deutschland ist ein geschätztes und wichtiges Mitglied der internationalen Kooperation und Organvermittlung.“



Bayreuther Chefarzt nicht enttäuscht

Prof. Dr. Harald Rupprecht, Chefarzt für Nephrologie, Hypertensiologie, Angiologie und Rheumatologie im Klinikum Bayreuth, sieht die Bundestagsentscheidung nicht als Drama. „Ich bin keineswegs enttäuscht darüber, dass es zu einer Widerspruchslösung, die grundsätzlich erst einmal jeden zum Organspender gemacht hätte, nun nicht kommt“, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Es sei zwar unbestreitbar, dass eine solche Lösung die Zahl der zur Verfügung stehenden Spenden steigert, das würden laut dem Professor die Statistiken aus anderen europäischen Ländern bestätigen, aber eine Widerspruchslösung beinhalte auch das ethische Problem, „dass im Einzelfall gegen den Willen des Patienten gehandelt wird“. Weil er einer Organentnahme vielleicht nicht widersprochen hat, sie aber eigentlich auch nicht wollte. „Meiner Meinung nach besteht das Recht auf Unversehrtheit des Körpers über den Tod hinaus“, sagt Rupprecht.



Die Zustimmungslösung, wie die Bundestagsmehrheit sie am Donnerstag bestätigt und erweitert hat, gebe es laut dem Professor bereits seit 2012. In ihrer bisherigen Umsetzung hatte sie aber ein großes Manko: Ob sich jemand mit dem Thema Organspende auseinander setzen wollte, wurde ihm überlassen. Wie das mit freiwilligen Lösungen ist – sie funktionieren häufig inadäquat. Dass jetzt jeder bei der Beantragung des Personalausweises auf die Fragestellung, ob er im Fall der Fälle Organe spenden möchte, hingewiesen werden soll, sei laut Rupprecht insofern ein Fortschritt. „Noch besser wäre es gewesen, die Entscheidung verpflichtend zu machen“, sagt der Mediziner. „Das wäre aus meiner Sicht der beste Weg“. Damit wäre Klarheit geschaffen und in Abständen von zehn Jahren, wenn ein neuer Personalausweis gebraucht wird, könne man sich neu entscheiden.

Ärzte in der Pflicht 

Das Thema Organspende habe laut Rupprecht aber auch noch einen zweiten Aspekt. Es sei wichtig, „dass auch wir in den Krankenhäusern noch stärker als bislang potenzielle Spender identifizieren und ansprechen“. Er sei heilfroh darüber, dass beide Aspekte des Themas im Bundesgesundheitsministerium Beachtung finden. Die Krankenhäuser bei der Suche nach Spendern zu unterstützen, und die Menschen auf die Wichtigkeit des Themas Organspende hinzuweisen, eine Entscheidung von ihnen zu wollen.



Seit über 20 Jahren engagiere sich die Klinikum Bayreuth GmbH für die Organspende. Jedes Jahr spenden zwei bis sechs Patienten ihre Organe im Klinikum oder der Klinik Hohe Warte. Die Klinikleitung hat hierzu für jede Intensivstation einen eigenen Transplantationsbeauftragten benannt und nimmt seit Jahren zuverlässig Kontakt mit den Koordinatoren der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) auf, um mögliche Organspenden zu besprechen. Dafür erhielt das Krankenhaus der maximalen Versorgungsstufe 2017 den Bayerischen Organspendepreis der Deutschen Stiftung Organspende.





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Ein Gedanke zu „Organspende: Pegnitzer Patientin fühlt sich von der Politik verlassen

  • 22. Januar 2020 um 08:36
    Permalink

    So schlimm ist die Dialyse gar nicht! Ich kann danach sogar arbeiten gehen.

    Die Widerspruchslösung wäre nicht die Lösung, da es an ganz anderen Stellen hapert!

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