40 Kilometer bis Deutschland: Afrikanische Schweinepest auf dem Vormarsch


BAYERN. Dass die Afrikanische Schweinepest kommt, da sind sich die Fachleute einig. Unklar ist nur der Zeitpunkt und welche Folgen die Seuche haben wird. Schon jetzt laufen Vorbereitungen und Schutzmaßnahmen. Es gibt sogar einen Krisenstab.




Die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat bereits 2014 die Nordostgrenze der EU erreicht und sie breitet sich weiter aus. Im September 2018 erreichte sie Belgien und aktuell sind erste Fälle 40 Kilometer vor der deutschen Grenze bekannt. Es droht damit auch die akute Einschleppung nach Deutschland. Unser Jagdexperte Michael Reichert ist sich sicher, „die ASP kommt“. Das wird auch Auswirkungen auf den Fleischpreis haben, wie er sagt. In den osteuropäischen Staaten Polen, Litauen, Lettland und Estland werden bereits seit Anfang 2014 Fälle von Afrikanischer Schweinepest (ASP) festgestellt. Mit der Republik Tschechien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien sind weitere osteuropäische Mitgliedsstaaten nach und nach hinzugekommen. Auch Russland und China, wo seit 2018 eine sehr rasche Ausbreitung über weite Distanzen erfolgt, sowie weitere asiatische Länder sind betroffen.

Mittlerweile hat sich der Seuchenzug auf Westeuropa ausgedehnt: Die Seuche ist nicht mehr weit von Deutschland entfernt. Das Virus sei am Dienstag bereits bei einem vor drei Wochen verendeten Wildschwein in der Nähe von Nowogrod Bobrzanski in Polen nachgewiesen worden, sagte Ortsbürgermeister Pawel Mierzwiak am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur in Warschau. Der Ort liegt rund 40 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Vergangenen Donnerstag wurde nun auch erstmals in der Woiwodschaft Großpolen der Erreger bei einem verendeten Wildschwein festgestellt. Die polnischen Behörden sind sehr besorgt, da in der Region Großpolen rund 3,5 Mio. Hausschweine gehalten werden.

Armee in Polen soll Tiere abschießen

Inzwischen haben die Behörden bei 18 tot aufgefundenen Wildschweinen den Fund des ASP-Virus bestätigt. Alle Tiere wurden innerhalb des kontaminierten Gebiets und der ausgewiesenen Pufferzone gefunden. Seit vergangenen Donnerstag ist die Zahl der an ASP verendeten Wildschweine somit auf 20 gestiegen. Deshalb will Polen seiner Armee und Polizei den Abschuss von Wildschweinen erlauben. Eine entsprechende Gesetzesänderung werde er bald ins Parlament einbringen, sagte Landwirtschaftsminister Jan Krzysztof Ardanowski am Mittwoch dem Radiosender Jedynka. Am Dienstag hatten mehrere hundert Schweinehalter vor der Niederlassung des Jagdverbandes in Warschau protestiert, weil sich die Jäger aus ihrer Sicht zu wenig am Schwarzwild-Abschuss beteiligen.



Zu hohe Schwarzwildbestände

Ein schneller Abschuss sei nun gefragt, sagen die Jäger. Wie Michael Reichert berichtet, kommt es aber bei „wildschweintauglicher Munition“ derzeit zu Lieferengpässen. Man benötige hierzu spezielle Kaliber und Härtegrade, damit die Tiere beim Abschuss schnell verenden und nicht leiden müssen. Darauf lege man Wert, sagt Reichert. Ist die Munition zu klein oder gar zu weich, könnten die Fettschichten des Tieres die Eintrittswunde verschließen. Weil dann weder Schweiß noch Blut austritt, sei es für Jagdhunde unheimlich schwer, das Wild zu finden. Eine schnelle Erlösung durch den Jäger ist damit nicht möglich und das Tier verendet jämmerlich. Der Jagdexperte habe deswegen bereits vorgesorgt. Neben Desinfektionsmittel, Schutzanzügen und anderen Gegenständen, habe er auch rund 100 Schuss Munition nachbestellt. Man wolle schließlich nachhaltig und ökologisch handeln.

Seit Jahren schon sind die Schwarzwildbestände in den heimischen Wäldern hoch. Vorgaben, wieviele Tiere man erlegen muss, gibt es nicht. Anders als beim Rotwild. Hier drohen sogar Bußgelder, wenn Jäger zu viel oder zu wenig Wild erlegen. Wegen der drohenden ASP habe man aber begonnen, die Bestände weiterhin zu dezimieren, sagt Reichert. In vielen Regionen habe man weitere Treib – und Drückjagden angesetzt. Dabei kommen den Jägern schon mal zwischen zehn und zwanzig Tiere vor die Büchse. Allerdings ist das Stress für die Tiere und darunter könne auch die Fleischqualität leiden.



Landkreis Bayreuth: Behörden und Jäger sind vorbereitet

Das Bayreuther Landratsamt ist alarmiert und unterstützt die Jägerschaft, wie Pressesprecher Herbert Retzer unserem Reporter berichtet. Der Landkreis Bayreuth sei führend bei der Einführung von Techniken zur Ausdünnung der überbordenden Schwarzwildpopulationen, sagt Dr. Streicher vom Veterinärmt in Bayreuth. Hierzu gehöre die Genehmigung der Nachtzieltechnik zur Steigerung der Abschusszahlen von Schwarzwild oder aber auch die Verbesserung der zur Jagd unentbehrlichen Hundearbeit.

„Ein wichtiger Beitrag dazu wurde im Landkreis Bayreuth mit der Errichtung eines Schwarzwildeingewöhnungsgatters (dem ersten in Bayern) geleistet“, heißt es in einer Erklärung des Veterinäramtes. Dort können Hunde an echtem Schwarzwild ihre Jagdtechniken verbessern und auch der Eigenschutz der Hunde erhöht sich durch Erlernen eines bestimmten Verhaltens im Umgang mit dem Schwarzwild; gewichtig gerade auch für den Tierschutz“ sagt Herbert Retzer. Die Ausdünnung der Schwarzwildpopulationen sei laut Landratsamt erforderlich, „um eine Übertragung bzw. Entstehung der Seuche zwischen den einzelnen Individuen verschiedener Schwarzwildrotten zu minimieren“.

Nachdem die verheerende Ausbrüche in Osteuropa den Behörden bereits seit 2014 bekannt sind, wurde dieser Vorlauf laut Dr. Streicher zur Vorbereitung intensiv genutzt. Dazu habe man die Biosicherheitsmaßnahmen in den Hausschweinebeständen umgesetzt, die Jägerschaft informiert, Blutproben von erlegten Schwarzwild regelmäßig untersucht (Monitoring), die Freilandhaltungen nach Schweinehaltungshygieneverordnung geprüft, und die Kennzeichnung und die Registrierung der Bestände eingefordert. Auch Prof. Dr. Thomas C. Mettenleiter vom Friedrich-Loeffler-Institut betont, „Biosicherheit ist der beste Schutz gegen ASP“.



Virus kann vom Menschen übertragen werden

„Die Afrikanische Schweinepest ist eine fieberhafte perakut verlaufende Viruserkrankung bei Haus- und Wildschweinen“, erklärt Dr. Streicher. Als Einschleppungswege seien lebende Schweine, Samen, tierische Erzeugnisse, tierische Rohstoffe, Speiseabfälle und infizierte Zecken denkbar. Das Virus sei hochansteckend. In Blut, Tierkörpern und Fleischprodukten (z. B. Salami, Schinken) bleiben die Viren monatelang infektiös. Deswegen sei die ASP auch unbedingt anzeigepflichtig. Es gelte die Verordnung zum Schutz gegen die Schweinepest und die Afrikanische Schweinepest (Schweinepest-Verordnung). Die Viren können zwar nicht auf den Menschen übertragen werden, er kann sie aber weitertragen. Genauso wie andere Tiere, Gerätschaften oder Fahrzeuge.

Es ist laut Streicher davon auszugehen, dass im Seuchenfall „viele Wildschweinkadaver an verschiedenen Orten im Landkreis gefunden werden“, deren Abarbeitung entsprechend aufwendig ist, so dass eine Unterstützung durch die Jägerschaft unabdingbar sei. Dazu wurde den Hegegemeinschaftsleitern ein Notfallkoffer vom Bayreuther Veterinäramt ausgehändigt, der alle notwendigen Gerätschaften zur Abarbeitung enthält. Darin sind die Tupfer zur Beprobung, eine Meldeformular, Kadaversäcke, Trassierbänder, Branntkalk und Desinfektionsmittel zur Erstversorgung enthalten. Die GPS-Daten werden über Handy dem Veterinäramt mitgeteilt, das je nach Situation die Leitung vor Ort übernimmt und mit dem betroffenen Jäger das Vorgehen noch mal einstudiert.

In regelmäßigen Abständen führt das Landratsamt Bayreuth Tierseuchen- und Katastrophenschutzübungen im Katastrophenschutzraum durch, in denen die Abläufe zur Bekämpfung von Tierseuchen im Einzelnen unter Echtzeitbedingungen durchgeführt und die Qualität der Arbeiten extern beurteilt wird. In Bayreuth ist man sicher, gut vorbereitet zu sein. Gegenwärtig geht Dr. Streicher davon aus, dass ein Übergreifen der ASP von den Wildschweinbeständen auf die Hausschweinebestände aufgrund der ergriffenen Biosicherheitsmaßnahmen unterbunden und damit als unwahrscheinlich eingeschätzt wird.



Tote Tiere umgehend melden 

Die verwaltungsrechtliche Abarbeitung eines möglichen ASP-Ausbruches bei einem Wildschwein erfolgt laut Bayreuther Landratsamt federführend von der Regierung von Oberfranken, die die untergeordneten Kreisverwaltungsbehörden mit der zur Durchführung der Seuche notwendigen Arbeiten (Zäune errichte, Schilder aufstellen, weitere Wildschweine bergen) anweist. Weiter werden dann Wildsammelstellen eingerichtet und Sammeltrupps organisiert. Diese Arbeitsteilung entstand laut Dr. Streicher aus den guten Erfahrungen der erfolgreichen ASP-Bekämpfung im Nachbarland Tschechien. Dort erfolgte zentral von Prag aus die Koordination der Maßnahmen. Diese Arbeitsweise dient inzwischen vielen Ländern als Blaupause. Tschechien ist bislang das einzige Land weltweit, dem die nachhaltige Tilgung der Seuche aus den Wildschweinbeständen gelang.

Der Deutsche Jagdverband ruft unterdessen dazu auf, verdächtige Kadaver umgehend zu melden – etwa über  , die örtlichen Behörden oder die nächstgelegene Polizeidienststelle. Früherkennung sei wichtig, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Insbesondere die Ausbrüche in Tschechien – wo die Seuche erfolgreich bekämpft werden konnte – und in Belgien zeigen, dass eine sprungartige Seuchenverschleppung durch viruskontaminierte Lebensmittel, Tierbewegungen oder Gegenstände jederzeit Realität werden kann. „Ein Auftreten ist auch überall bei uns in Bayern möglich“, teilte ein Sprecher des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten mit.

Schutz –  und Sperrzonen 

Wird ein Befall nachgewiesen, greifen fest vereinbarte Maßnahmen. Zunächst werden mehrere Schutz – und Sperrzonen errichtet. Im innersten Ring der Kernzone (Zone, in der positive Wildschweine gefunden werden, liegt innerhalb des ‚Gefährdeten Bezirks‘) herrscht ab der Deklarierung eine 21 Tage lange Standruhe. Das heißt, jede Art von Jagd wird eingestellt und es müssen sämtliche Hausschweine im Radius der Kernzone getötet und entsorgt werden. Dies erfolgt dann in Zusamenarbeit mit Fachfirmen und Behörden. Im weiteren Verlauf gilt ein Verwertungsverbot für Futter aus dem Grünland, Wälder dürfen nicht betreten werden. Dies dient vor allem der Vermeidung, dass möglicherweise infizierte Tiere aus dem Kerngebiet auswandern und die ASP verbreiten. Spezielle Suchtrupps durchstöbern teilweise Gebiete zur Entsorgung möglichst vieler Kadaver infizierter Wildschweine (= Infektionsquelle), um damit den Infektionsdruck zu reduzieren.



Die zweite Zone, mit dem etwa doppelten Radius (15 km) wie die Kernzone, stellt laut Dr. Streicher das gefährdete Gebiet dar. Das kennt man bereits aus der Schweinepestverordnung. Hier gilt dann eine besonders drastische Reduktionspflicht der Wildschweindichte. „Wir müssen dann schießen, was uns vor die Büchse kommt“, sagt Reichert. Dazu sei man verpflichtet. Den dritten Bereich bezeichnet man als Pufferzone oder auch Beobachtungsbereich. Das ist der Ring um den gefährdeten Bezirk herum. Auch hier spricht man noch von einer massiven Bestandsreduzierung von Wildschweinen um mehr als 70 Prozent. In allen drei Zonen müssen die erlegten sowie tot aufgefundenen Wildschweine auf ASP untersucht werden.

Maßnahmen zur Abschirmung der Schweinebestände

Schweinehalter sollten laut Behörden ihre Maßnahmen zur Abschirmung ihrer Bestände überprüfen. „Die Anforderungen der Schweinehaltungshygieneverordnung müssen zwingend eingehalten werden“, heißt es in einem Merkblatt. Besonderes Augenmerk ist dabei auf die Einfriedung des Betriebs und auf den Schutz des gelagerten Futters und der Einstreu vor Wildschweinen zu legen. Schweinehalter, die auch Jäger sind, sollten erlegte Wildschweine, Jagdhunde und Jagdgegenstände sowie bei der Jagd benutzte Kleidung strikt von ihrem Betrieb fernhalten.



Nicht nur die ASP, auch die klassische Schweinepest und andere Krankheiten stellen eine ständige Herausforderung dar, der sich die Schweinehalter und alle Berufsgruppen, die in der Tierproduktion arbeiten, immer wieder neu stellen müssen. Viele hochansteckende Tierseuchen können bei Ausbruch praktisch nur noch durch Keulung der Tierbestände an der weiteren Ausbreitung gehindert werden. Eine Notimpfung kommt z. B. bei der ASP nicht in Betracht, weil es keine wirksamen Impfstoffe gibt.

Wichtige Hygienemaßnahmen

  • Küchenabfälle oder Essensreste dürfen nicht an Schweine (auch Wildschweine) verfüttert werden
  • Zugang zum Stall nur mit betriebseigener Schutzkleidung oder Einmalschutzkleidung
  • Tiere nur aus möglichst wenigen, bekannten und gesunden Beständen zukaufen
  • Tiertransporte auf ein Minimum beschränken
  • Reinigung und anschließende Desinfektion der Viehtransporter nach jeder Fahrt
  • Reinigung und anschließende Desinfektion der Ställe vor jeder Neubelegung
  • Schädlingsbekämpfung ordnungsgemäß durchführen und Erfolg kontrollieren

 




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